RATAN TATA

Ratan Tata - Jaguar

Der Chef der Tata Gruppe stellt seine Vision für Jaguar vor und spricht über seine Leidenschaft für Autos.

Es ist wie bei einem königlichen Besuch. Männer in eleganten Anzügen schreiten würdevoll umher und prüfen mehrfach den Ablauf des Programms. Im Hintergrund steht ein XJ mit Chauffeur. Er wartet auf Ratan Tata, den er zum nächsten Termin bringen soll, wo schon eine Menschenschlange ungeduldig wartet.

Ratan Tata hat die Tata Gruppe, seine im Familienbesitz befindliche Firma, ganz nach vorne gebracht – in Indien und dem Rest der Welt. Tata ist ein Mann mit ausgesprochener Leidenschaft für Automobile und Ingenieurskunst. Sein Vater, Naval Tata, war einer von fünf Menschen in Indien, an die Jaguar Ende der 1940er das neue Modell XK120 lieferte.

Die Archivare des Jaguar Daimler Heritage Trust haben sogar die Originalpapiere für die Lieferung des Fahrzeugs gefunden. „Ich erinnere mich an den XK mit viel Nostalgie“, sagt Ratan. „Besonders das Armaturenbrett mit seinen sehr stilvollen Instrumenten ist mir in Erinnerung.“ Bei meinem Gespräch mit Ratan merke ich, dass er weit mehr getan hat, als nur den Namen Jaguar seinem Firmen-Portfolio hinzuzufügen. Er hat eine neue Leidenschaft erworben.

  • Was glauben Sie, für Jaguar tun zu können?

    „Zu allererst möchte ich ein inspirierendes Vorbild sein, das die Kreativität fördert, nährt und unterstützt. Wir müssen eine Plattform schaffen, auf der das Management grundlegende Entscheidungen treffen kann, aber nicht auf hierarchische Art und Weise.
    „Es ist ein großer Fehler, zu versuchen, eine Firma wie Jaguar aus der Ferne zu lenken. Man braucht Leidenschaft, um großartige Automobile zu schaffen. Meine Aufgabe ist es, eine Umgebung zu schaffen, in der wir alle Ideen austauschen und interagieren können. Wenn wir das nicht tun, dann bekomme ich das Gefühl, versagt zu haben, der Belegschaft von Jaguar eine Basis für Erfolge zu schaffen.“

    Was ist Ihre Vision für das Unternehmen?

    „Großartige Sportwagen und sportliche Limousinen von Jaguar untermauern die Stärke unserer Marke. Die Entwicklung dieser aufregenden Fahrzeuge ist etwas, was ich sehr genieße. Sie zu fahren, natürlich auch. Die Zukunft von Jaguar beruht auf der Entwicklung von Technologien zur Reduzierung von Benzinverbrauch und Schadstoffausstoß. Bei Tata Motors (eine Tochtergesellschaft der Tata Gruppe) werden wir demnächst eine Elektroversion unseres kleinen Indica herausbringen. Das heißt nicht, dass wir diese Richtung bei Jaguar verfolgen. Zunächst werden wir uns mit vielen unterschiedliche Technologien beschäftigen.“

    Wie passt Jaguar zu Tata Motors? Immerhin stellen beide Firmen sehr unterschiedliche Produkte her.

    „Ich habe Jaguar und Tata Motors nie als Einheit gesehen. Beide Firmen sind berühmt für das, was sie tun. Tata Motors stellt revolutionäre kleine Fahrzeuge her, wie zum Beispiel den Nano. Jaguar produziert Luxus-Autos. Ich bin sehr darauf bedacht, beide Marken zu trennen, aber auch die große Menge an Synergien zu untersuchen, die in Engineering und Design stecken. Ich finde das Beispiel von Luxus-Hotels passt gut, wenn man sich über Marken unterhält. Nehmen Sie die Ritz-Carlton Hotels: Sie können ein Ritz-Carlton Hotel in einer Stadt betreiben, das einer multinationalen Firma mit unterschiedlichen Geschäftsinteressen gehört und ein zweites in einer anderen Stadt, das einem Prinzen gehört. Es sind völlig unterschiedliche Inhaber, aber der Kunde bekommt trotzdem die gleiche Servicequalität. So wird es auch bei Tata Motors und Jaguar sein.“

    Was denken Sie, müsste sich bei dem Unternehmen ändern?

    „Wir alle müssen mehr interagieren. Wir müssen Informationen und Ideen austauschen. Was mich sofort beeindruckt hat ist das Arbeitsverfahren, das eine große Rolle beim Bau von Automobilen hoher Qualität spielt. Ich hoffe, einen inspirierenden unternehmerischen Geist hinzuzufügen, der eine Kultur bei Jaguar schafft, die einen fruchtbaren Boden für frische Ideen bildet. Daraus wird sich ein starkes Geschäft entwickeln. Aber diese Veränderungen können nicht von heute auf morgen passieren.“

    Wann und wie entstand Ihr Interesse an Jaguar?

    „Ganz einfach, die Banken traten an die Tata Gruppe heran und berichteten, dass Jaguar (und Land Rover) verfügbar seien. Wir waren sofort interessiert. Erstens, weil Tata Motors die Nummer Zwei bei den SUV-Herstellern in Indien ist. Land Rover, eine Perle unter den SUV-Marken, bringt uns einen enormen Vorteil. Zweitens war der Kauf einer Luxusmarke mit einer beträchtlichen Geschichte und einem großen Erbe, wie Jaguar, eine unwiderstehliche Gelegenheit.“

    Haben Sie spezifische Ideen für die Modellpflege bei Jaguar? Zum Beispiel ein Allradfahrzeug?

    „Ich kann mir keinen 4x4 in der Produktpalette, die mit Land Rover abgedeckt ist, vorstellen. Die Jaguar Produktpalette muss durch großartige Sportwagen und sportliche Limousinen ergänzt werden. Wir wollen an Autos wie den C-Type, den D-Type und den E-Type, den Mark II und den XJ anknüpfen. Jaguar braucht moderne Versionen dieser Fahrzeuge, die preiswert sind und neue Maßstäbe setzen.“

    Welche Management- oder Geschäftsführungsqualitäten wird Tata Motors bei Jaguar einbringen?

    „Ich glaube, wir verstehen, das Beste aus den Leuten herauszuholen, indem wir das richtige Umfeld schaffen. Vor einigen Jahren hat Tata Motors die LKW-Sparte von Daewoo in Südkorea gekauft. Wir haben das Unternehmen umgekrempelt. Die ‘Chemie’ muss stimmen. Wir brauchen bei Jaguar ein Management, das mit dem bei Tata kompatibel ist.“

    Glauben Sie, dass die Autoindustrie die interessanteste Rolle in Ihren Geschäftsbereichen spielt?

    „Absolut. Ich verwende den größten Teil meiner Zeit für die Autoindustrie. Der Tata Nano ist ein gutes Beispiel. Das war ein Projekt, mit dem ich mich persönlich verbunden fühlte und an dem ich selbst intensiv beteiligt gewesen bin. Es war das gleiche mit dem Tata Indica – Indiens erstes Automobil, welches eigenständig in den späten 1990ern im eigenen Unternehmen entworfen und gebaut wurde.“

    Die Tata Gruppe hat eine Reputation als fürsorglicher Arbeitgeber. Wie ist es dazu gekommen?

    „Viele dieser Dinge gehen auf die Jahrhundertwende und den Beginn der Firma zurück. Das Gefühl, die Leute geben ihr Bestes, wenn man sich um sie kümmert, ist tief mit der Unternehmenskultur verwurzelt.“

    Die Tata Gruppe war eine der ersten Firmen in Indien, die Betriebsrenten und einen Acht-Stunden-Tag einführte. Die Gruppe spendet auch jedes Jahr hohe Beträge für wohltätige Zwecke.

    Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihre Leidenschaft für Automobile...

    „Meine wirkliche Leidenschaft gilt dem Design, aber ich liebe Autos. Allerdings ich habe kein Lieblingsauto, ich benutze alle möglichen Autos einschließlich der kleinen Tatas für den Stadtverkehr.“

    Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

    „Ich bin gerne im Wasser. Ich tauche sehr gerne, aber weil mein Trommelfell etwas beschädigt ist, musste ich damit aufhören. Stattdessen gehe ich jetzt regelmäßig schwimmen.
    Ich spiele auch Golf. Ein anderes Hobby von mir ist die Fliegerei. Ich habe ein Rating [die Berechtigung, einen bestimmten Flugzeugtyp zu fliegen] für den Falcon Business Jet, aber seit kurzem fliege ich immer öfter Hubschrauber. Ich liebe das Engineering an ihnen und es ist eine Herausforderung, sie zu fliegen.“

    Warum haben Sie keine Karriere als Architekt angestrebt?

    „Dann müssten Sie mich auch fragen, warum ich nicht in den USA geblieben bin. Ich habe Architektur an der Cornell-Universität studiert und wollte eigentlich in den Vereinigten Staaten bleiben. Aber dann erkrankte meine Großmutter, und ich musste nach Indien zurückkehren. Ich brauchte natürlich Arbeit und begann ein Acht-Jahre-Training bei der Tata Gruppe, eine Lehre, wenn Sie so wollen. Jahrelang trat ich auf der Stelle und war frustriert, bis das Leben sich endlich erkenntlich zeigte.
    Wenn meine Großmutter nicht krank geworden wäre, wäre ich wohl in den USA geblieben und Architekt geworden. Es könnte allerdings sein, dass das schief gegangen wäre. Wer weiß.“