JAGUAREN AUF DER SPUR

Jaguar

Engagierte Tierschützer trecken durch den Regenwald von Costa Rica

Wir stehen ganz still. Wir versuchen, kein Geräusch von uns zu geben – der Regenwald nicht. Er brummt, er summt, er kreischt. Rechts von uns raschelt es im Unterholz. Ich hoffe, es ist ein Jaguar – ehrlich. Andererseits muss ich zugeben, dass ein kleiner Teil von mir hofft, es sei doch keiner. Auch wenn Jaguare Menschen nur äußerst selten angreifen, diese Raubkatze zählt zu den beeindruckendsten Killern der Welt. Sie ist ein wahres Kraftpaket, bewegt sich dabei aber mit überraschender Geschmeidigkeit – aus diesem Grund hat Sir William Lyons 1935 ihren unverwechselbaren Namen für seine eleganten neuen Autos gewählt.

Auf der Halbinsel Osa im Südwesten Costa Ricas liegt eines der letzten pazifischen Regenwaldgebiete, die es noch gibt. National Geographic hat diese Gegend einmal als artenreichsten Lebensraum der Erde beschrieben. Doch sie braucht Hilfe – und so wurden die Friends of the Osa ins Leben gerufen, die sich gemeinsam mit Wissenschaftlern, Bewohnern, Landbesitzern, Unternehmen und Umweltschützern für den Erhalt dieses lebenswichtigen Ökosystems engagieren.

Im Osa Biodiversity Center gibt es einfache, aber komfortable Unterkünfte für Studentengruppen und Wissenschaftler, die die Flora und Fauna der Halbinsel erforschen wollen. Aida Bustamante und Ricardo Moreno schlossen sich den Friends of the Osa an, um die Katzen der Region zu studieren. Mit 130 strategisch platzierten Kameras führten sie die aufwändigste Fotofallen-Studie der Welt durch. 

„Wir möchten uns auf den Schutz der Wildkatzen konzentrieren, nicht nur in Osa, sondern auch anderswo in Costa Rica und Panama“, meint Aida. Ihre gemeinnützige Vereinigung zum Schutz von Wildkatzen – Yaguará – bemüht sich vor allem darum, Konflikte zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Großkatzen zu lösen. „Wir haben das einzige Programm dieser Art in Mittelamerika, das Bauern eine Abfindung zahlt, wenn Nutztiere von einem Puma oder einem Jaguar gerissen werden. Damit wollen wir die Zahl der gejagten Jaguare senken“, erklärt Ricardo. „Wir arbeiten mit der Bevölkerung – vor allem mit den Viehbauern – zusammen und versuchen, ihnen beizubringen, dass der Jaguar vom Aussterben bedroht ist.“

Aida und Ricardo glauben, dass die Kooperation mit den Einheimischen der Grund für den Erfolg ihrer Forschungsarbeiten ist. „Wenn ein Nutz- oder Haustier getötet wird, schiebt man die Schuld meistens auf einen Jaguar“, so Aida. „Die Bauern bezahlen Jäger dafür, einen Jaguar zu töten, und die Jäger verkaufen dann Fell und Zähne des Tiers.“ Doch Aida und Ricardo haben die Kadaver der Nutztiere untersucht und herausgefunden, dass 90 Prozent in Wirklichkeit von einem Puma gerissen wurden. „Alle Katzen töten mit einem Biss in den Hals, der zum Erstickungstod führt – nur der Jaguar erlegt seine Beute mit einem Biss in den Kopf, der die Schädeldecke zertrümmert“, führt Aida aus. „Wir wissen also genau, ob ein Tier von einem Jaguar gerissen wurde oder nicht.“

Auch die Wilderei ist ein Problem. Denn die Jäger schießen Tapire und Nabelschweine, um das Fleisch zu verkaufen. Die Katzen haben weniger Beuteoptionen, was ein Grund dafür sein könnte, dass sie auch Nutztiere reißen. „Der Jaguar ist in seinem Umfeld der bestimmende Räuber“, erklärt Ricardo. „Er steht in der Nahrungskette ganz oben. Wenn es also dem Jaguar gut geht, gedeihen meist auch andere Arten in dieser Gegend. Verschwindet der Jaguar jedoch immer mehr, bedeutet das auch einen Rückgang der Artenvielfalt in seinem Lebensraum.“

Aida und Ricardo verwenden Kameras der Marken Reconyx und Cuddeback, die für den amerikanischen Jagdmarkt hergestellt werden. Sie sind mit Wärme- und Bewegungssensoren ausgestattet. Jede Regung, die von etwas Größerem als einer Maus verursacht wird, löst ein Foto aus. Die Kameras haben hervorragende Sensoren und schießen sehr schnell Bilder, so dass das gesamte Tier im Bild festgehalten werden kann. Zusätzlich gibt es eine Blitzfunktion, um auch in der Nacht fotografieren zu können. Die Batterien (D-Zellen) halten rund einen Monat. Deshalb wird jeder Standort alle paar Wochen besucht. 

Zurück im Center klickt Aida durch die Bilder. Von jedem Standort hat sie eine Unmenge Fotos erhalten, viele davon zeigen die verschiedensten ungewöhnlichen Tiere. Heute sind zwar keine Bilder von einem Jaguar dabei, aber die beiden jubeln, als ein Jaguarundi – eine Kleinkatze, die nicht mit dem Jaguar verwandt ist – auf dem Monitor erscheint. Sie lässt sich nur sehr selten auf Bildern einfangen und Aida und Ricardo sind außer sich vor Freude, ein Exemplar zu sehen.

Aida hält die GPS-Daten der einzelnen Kamerapositionen fest und teilt jeder Katze eine individuelle Codenummer zu, um die Größe des Reviers zu umreißen, das jedes Tier beansprucht. „Wir müssen auch in dem Korridor, der Osa mit dem Amistad National Park verbindet, Kameras aufstellen, damit wir sehen, wie die Jaguare hin- und herwechseln“, meint Aida. „Letzendlich möchten wir allerdings GPS-Halsbänder anschaffen. Mit dieser Technologie können wir die wahre Reichweite der Jaguare herausfinden und beweisen, dass sie Korridore benutzen. Außerdem könnten wir die Bauern warnen, wenn eine der Raubkatzen ihren Tieren zu nahe kommt – und das in Echtzeit.“

Wir müssen den Regenwald mit seinem Brummen und Summen, seinem Heulen und Kreischen wieder verlassen. Die Jaguare waren leider zu schlau für uns und haben sich nicht gezeigt. Es wäre wirklich ein unglaubliches Glück gewesen, einen zu sehen. Doch das unterstreicht nur noch einmal, wie sehr sie unsere Hilfe brauchen.

SO KÖNNEN SIE SPENDEN
Die Arbeit von Yaguará zum Schutz der Wildkatzen wird ausschließlich mit Spenden finanziert. Wenn auch Sie einen Beitrag leisten möchten, besuchen Sie bitte www.yaguara.org oder senden info@yaguara.org. Um den Schutz des Jaguars und seines Lebensraums zu unterstützen, besuchen Sie bitte  www.osaconservation.org